In uns allen brennt ein Licht

Miriam Hanika mit Englisch Horn im Hinterhalt Geretsried

28. November 2021

In den letzten eineinhalb Jahren haben sich viele Musiker, zu denen ich mich auch zähle, das Prädikat „Lebenskünstler“ mehr als verdient. Dazu verdient, muss man schreiben, zusätzlich zu all dem, was ein Musikerleben sonst so herausfordernd macht.

Ich und unzählige Andere haben uns schon so viel zu diesem Thema geäußert. Die Monate fließen  dahin und mit der Zeit fehlt die Kraft, die Ausdauer und es fehlen auch die Worte, um alldem, was passiert außerhalb der Musik entgegenzutreten.

Wenn ich mich umschaue, dann sehe ich, wie viele Menschen kurz vor der Kapitulation stehen.

Und da spreche ich jetzt nicht mehr nur von den Künstlern. Jeder muss in dieser Zeit Opfer bringen, aber für Manche sind es weitaus Größere, als für Andere. Für Einige ist die Impfung das größte Opfer, Andere verlieren ihre mentale Gesundheit, ihren Job, ihr Haus, ihren Freundeskreis in der Diskussion – oder ihre Lieben an eine Krankheit, an die ein großer Teil dieses Landes nicht zu glauben scheint. 

Was ist das für eine Zeit? Viele meiner Mitmenschen sind am Limit und es macht mich traurig, zu sehen wie sie kämpfen, wie wir alle mit uns ringen, wenn es um die Aufrichtigkeit der Politik, das Ausloten zwischen Auflehnung und Verantwortungsbewusstsein, zwischen Aufgeben und Weitermachen geht.

Ich kann die Menschen verstehen, die vom Glauben abfallen und mental an einen Ort verschwinden, wo es schwer wird ihnen zu folgen – ob sie mit Depressionen kämpfen oder das Versagen der Regierung nur noch mit dem Anhängen von Verschwörungstheorien ausgleichen. All das ist nichtmal im Geringsten verwunderlich.

Meine ganz persönliche Resilienz durch diese Monate hindurch habe ich einigen wenigen Menschen und Institutionen zu verdanken, die an mich glauben und mich unterstützen.

Ich habe noch nie in meinem Leben so viel gegeben und wusste nicht, für wen ich das überhaupt tue – um dann so viel an völlig anderen Stellen dafür zurückbekommen. Es war und ist für mich ein Wunder, dass mir in dieser Zeit geholfen wurde und wird und diese Jahre wären für mich furchtbar, wenn ich nicht weiter schreiben, komponieren und aufnehmen könnte. 

Dann sagte neulich jemand zu mir: „Du hast ein Licht und das muss leuchten.“

Eigentlich ist dieser Spruch nicht neu, nur gerade jetzt kam er mir vor, wie ein kleines Wunder. Dieser Spruch ist die wahrscheinlich kürzeste Version eines Gleichnisses, dass man in sämtlichen Weltreligionen finden kann – „Man soll sein Licht nicht unter den Scheffel stellen“ sagt Jesus und die Lotusblume, die aus dem Schlamm erwächst hat für mich eine ähnliche Bedeutung. Wenngleich ich finde es braucht an dieser Stelle keine Religion und keine Wissenschaft, um diesen kleinen Spruch zu legitimieren, weil er aus sich heraus einfach so wahr ist.

In dieser dunklen Zeit ist es wichtig, dass wir unser inneres Leuchten wieder wahrnehmen können. Konzerte, Zusammensein, Berührungen – das mag verboten oder unangebracht sein, aber zu was sind wir Menschen im Stande, wenn uns etwas Elementares genommen wird? Wir sind wahre Meister der Anpassungsfähigkeit und unsere ganze Stärke kommt meist dann zum Vorschein, wenn wir glauben am Ende zu sein. 

Ich wünsche euch, dass ihr euer Licht leuchten lassen und es mit anderen teilen könnt und dass es, falls ihr es nicht mehr seht, jemanden gibt, der euch sagt wie hell es ist.

Wenn dort niemand ist, dann meldet euch bei mir – ich habe so viel bekommen und kann noch Einiges geben und es muss auch nicht immer Musik sein. Auch, wenn ich natürlich trotzdem ein Lied für euch habe.

Heute wäre das wohl „Enticing Surrender“, eines meiner englischen Lieder, die ich vor langer Zeit geschrieben und zugegebenermaßen schon ein bisschen unter den Scheffel gestellt habe. Aber neulich habe ich mich daran erinnert, wie Thomas Brekle und ich durch die religiösen Häuser gezogen sind, die für uns Tür und Tor geöffnet hatten. Manchmal war es eiskalt. Aber es sollte ja auch nicht bequem sein, sondern einmal mehr beweisen, dass Aufgeben keine Option ist – weil es immer Hoffnung gibt. Über dieses Leben hinaus.

In diesem Sinne wünsche ich euch einen schönen Advent – eine Zeit, in der Licht eine ganz besondere Bedeutung hat. Zündet eine Kerze an, singt ein Lied und schaut ihr beim Leuchten zu. 

2 Kommentare

  1. Liebe Miriam. Deine Worte sind Balsam für die Seele. Wohltuend und wahr. Heilsam und stärkend. Vielen Dank dafür. Hab dich lieb, deine Rosi

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  2. Liebe Miriam, deine wunderbaren Worte zeigen deine hohe Sensibilität und Wachheit für diese erstaunliche Zeit. Ich glaube, dass du durch deine einzigartigen Lieder für viele Menschen dieses Licht bist, von dem du schreibst. Vielleicht sind es nicht die Lautesten, aber ich denke, dass deine Worte, deine Musik und deine Haltung viel Trost, Mut u Zuversicht in die Herzen und das Denken tragen. Gerade du, als von der Situation gebeutelte Künstlerin, beweist, dass Aufgeben und Resignation keine Optionen sind, sondern, dass man hoffnungsvoll einen Weg suchen und finden kann. Danke dir.

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