Was es für mich bedeutet, Musikerin zu sein

Miriam Hanika mit Oboe und Englischhorn

17. Juni 2022

Vor einigen Wochen fragte mich Maria Busqué, eine sehr inspirierende Musiker-Kollegin, ob ich bei Ihrem Online-Projekt „30 musikalische Leben“ mitmachen und einen Text darüber schreiben könne, was es für mich bedeutet Musikerin zu sein. Zusammen mit 30 anderen Musikern und Künstlern, haben wir darüber gesprochen, wie sich eine Musiker-Karriere abseits des Mainstream entfalten und entwickeln kann.

Musikerin zu sein ist für mich in erster Linie kein Beruf, sondern eine Berufung.

Das klingt jetzt so, als hätte ich neben Oboe auch Theologie studiert, aber tatsächlich ist Musik machen für mich keine Tätigkeit, keine Arbeit, die ich mache, weil man so auch sein Geld verdienen und dabei auch noch Freude haben kann, sondern weil ich an die Musik glaube. Musik ist für mich eine Religion – meine Religion.

Meine Eltern haben beide Kirchenmusik studiert, so dass mir Musik in Verbindung mit dem Glauben sozusagen in die Wiege gelegt wurde. Bevor ich in die Schule kam, habe ich kleine Lieder geschrieben. Ich habe am Klavier gesessen und irgendetwas gespielt, was gerade aus mir heraus kam, wie es Kinder so tun. 
Als ich älter und das Leben ernster wurde ist mir klar geworden, dass ich Musik zu meinem Lebensmittelpunkt machen will und in mir gab es diese festgefahrene Logik, dass ich das nur in Verbindung mit klassischer Musik umsetzen könne. Also habe ich relativ kopflos auf ein Musikinternat gewechselt, habe das Üben zu meinem täglichen Gebet gemacht, mit allen Höhen und Tiefen, Erfolgen und Misserfolgen Oboe studiert und mich voller Elan an meine psychischen und physischen Grenzen gebracht – es war eine wunderbare Zeit der Selbstgeißelung. 

Zurück zu den Wurzeln

Nachdem die Oboe zu meinem Lebensmittelpunkt geworden war, begann ich auch wieder Lieder zu schreiben. Mit dem Druck, der von außen kam und den ich mir selbst machte, kehrte ich zu dem zurück, was ich als Kind getan hatte. Sozusagen zu meinen musikalischen Wurzeln, die bis heute mein Zufluchtsort sind. 

Ich habe mich lange sehr erfolgreich dagegen gewehrt, dass das ja auch alles zusammen passen könnte – das, was ich im Studium lernte und das, was ganz ohne äußeren Antrieb aus mir heraus kam. Eine Orchesterstelle war lange Zeit das einzige Ziel, was ich vor Augen hatte. Mein Lehrer sagte mal zu mir: „Geh erst ins Orchester und dann kannst du machen was du willst.“. Er ist ein wunderbarer Mensch und ein genialer Musiker – aber ich ahnte, dass das zumindest für mich nicht stimmen konnte.

Ich beendete mein Studium und schrieb mein erstes Album. Ab diesem Punkt hatte ich keine Zeit mehr, um auch nur an Probespiele zu denken und die Oboe hat sich ganz von selbst in meine Lieder gedrängt. Ich war, ohne dass ich es geplant hatte, zu einer Oboe spielenden Liedermacherin geworden.

Wenn man in der Schublade keinen Platz findet

Was für mich auch jetzt noch sperrig klingt, ist ein absoluter Glücksfall. In keine Schublade zu passen ist anstrengend, aber es ist auch ein Gewinn, denn man wird immer sich selbst gehören. Als Musiker ist es unheimlich verlockend, sich zu verkaufen – überall bekommt man die Gelegenheit dazu: Majorlabels, Agenturen, die Musikindustrie insgesamt, Social media… ich denke die meisten Künstler wissen, worauf es ankäme, wenn es ihnen ausschließlich darum ginge, zahlentechnisch erfolgreich zu sein. Daran ist ja auch erstmal nichts Schlechtes und es ist auch für mich essentiell einen gewissen Bekanntheitsgrad zu haben, damit ich von meiner Musik leben kann – denn das muss ich und will ich. 

Aber meine Musik, so wie sie ist, bringt mich immer wieder zurück zu dem, was ich eigentlich möchte, wenn ich alle Existenzängste, alle Sorgen und Süchte ausschalten kann: die Musik machen, die nur ich ausdrücken kann und die vorher noch niemand geschrieben hat, die vielleicht kein Verkaufsschlager ist, mich dafür aber erfasst, berührt und begeistert. Meine Texte, das Instrument was ich spiele, sind nichts für Millionen – sie sind für mich und diejenigen, deren Herz im gleichen Takt schlägt. Dass es genug solche Herzen gibt, weiß ich mittlerweile und das erfüllt mich mehr als jede Orchesterstelle, als jeder große Deal, jede enorme Klickzahl es je könnte. 

Es gibt Tage, da bereue ich es, dass ich keine Stelle habe. Das sind Tage, an denen ich mich vor der Zukunft fürchte, weil es finanziell eng geworden ist, ich eine Absage erhalten habe, ich beim Komponieren auf keinen grünen Zweig komme. Doch diese Tage sind sehr selten geworden. 
Ich sehe mich mittlerweile auch nicht mehr als klassische Musikerin, obwohl ich nach wie vor sehr viel klassische Musik spiele, ich sehe mich einfach nur als Musikerin. 

Ich denke, der entscheidende Punkt war für mich als ich begriffen habe, was es mir bedeutet Musik zu erschaffen.

Interpretieren ist etwas, was ich liebe, aber noch mehr liebe ich es zu komponieren.
Wenn ich schreibe, habe ich das Gefühl mich mit dem was ich tue, bis zum Äußersten ausdrücken zu können und gleichzeitig (auf eine positive Art) gar nicht mehr ich selbst zu sein. Eine gute Freundin hat mal zu mir gesagt: „Das kann dir keiner nehmen.“ Was das bedeutet, habe ich erst viel später begriffen. Ich weiß nicht was, wenn ich mal sterbe, von meiner Musik noch übrig bleibt. Ob meine Alben auf der Müllhalde landen und man meine Lieder einfach vergisst, aber das ist auch egal: Jetzt und hier prägt meine Musik mein Leben und das Leben anderer, sie ist dort draußen und kann deshalb nie wieder im Nichts verschwinden. Sie ist mein Gebet und eine Chance, diesem Leben etwas zurückzugeben.

Es ist für mich ein unbeschreibliches Privileg, dass ich Musik in diese Welt tragen darf.

Wortwörtlich, denn ich sehe mich als ein Träger, ein Überbringer. Es soll nicht esoterisch klingen, aber im besten Fall entstehen meine Kompositionen und ich weiß nicht einmal, wie es überhaupt passiert ist. Dann habe ich das Gefühl, dass etwas Höheres an meiner Seite war. Ich als Künstlerin bin dann total nebensächlich, nur eine Art Werkzeug, aber es macht mich unendlich dankbar, dass ich dieses Werkzeug sein darf.

Es gab auf meinem Weg viele Menschen, die mich begleitet haben und begleiten. Meine Lehrer, von denen ich zwar ahnte, dass sie großartig sind, aber erst in den letzten Jahren, seit ich selbst unterrichte, begreife ich, was ich alles von ihnen lernen durfte.

Musiker, die mich geprägt haben, allen voran meine Eltern, meinem Lehrer Francois Leleux, aber auch mein Labelchef Konstantin Wecker und viele Andere – sie alle haben mich immer wieder dazu angehalten, mich nicht beschränken zu lassen.

Diese Menschen sind, um zurück zu meiner Religion zu kommen, meine Seelsorger. Ich sitze an der Quelle zur Musik – was könnte es Schöneres geben.

1 Kommentar

  1. Danke für deine wunderbaren Gedanken und deine tiefe Ehrlichkeit dir selbst gegenüber. Sei glücklich!

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