Wie man in der Vergangenheit sitzen und im Morgen leben kann.

Miriam Hanika im Haus ihrer Großeltern

17. August 2022

Ich sitze mit einem 20er Jahre Hut, auf einem 60er Jahre Stuhl in einem 70er Jahre Haus, mit meinem 80er Jahre Herz, mit meiner Oboe, meinem roten Klavier, Technik (alles nach 2000), die mich überfordert als sei sie aus 2075, umgeben von Schallplatten, Büchern und Geschirr aus wahrscheinlich 8 Jahrzehnten, schaue dem Regen vom Fenster aus zu und denke – an Morgen.

Ich bin mal wieder in NRW bei meiner Familie auf Zwischenstation. Morgen spiele ich im Kottenforst ein Open Air (auch wenns regnet) und am Samstag auf Burg Waldeck beim Frequenz Festival (ebenfalls auch wenns regnet).

Das Haus meiner Großeltern ist für mich immer ein lebendiges Museum gewesen.

Meine Oma hat alles aufbewahrt und irgendwie hat auch alles einen Platz gefunden. Jetzt sind meine Großeltern ins Heim gezogen, das Haus muss verkauft werden. Jeder kleine Gegenstand wird gewendet, in die Hand genommen, abgewogen, darf er bleiben, muss er gehen, ist er von Wert oder wertvoll nur in den Erinnerungen, die er wachruft. Vieles ist uralt, manches sogar noch älter, so wie der Hut von meiner Uroma.

„Jedes Ding braucht Zeit“, denke ich.

Und „wir verbringen einen Großteil unseres Lebens damit, Gegenstände von A nach B zu tragen.“ Als Musiker sowieso, ich trage ständig etwas durch die Gegend.

Die Häuser und Wohnungen der Großeltern sind für Viele ein sicherer Hafen, beinahe noch sicherer als das Elternhaus. Dort bleibt einfach immer alles gleich, dort bleibt die Zeit irgendwie einfach stehen. Bis man dann doch eines Tages Abschied nehmen muss. Das Seltsamste ist, dass Bilder aus meiner Kindheit, Frauen in Schürzen und mit Nylonstrümpfen, Männer mit Hüten, Gartenschlauch und Zigarre, dass diese Bilder jetzt verschwinden werden. Für immer. Dieses Gefühl aus dieser Zeit, was man hatte, wenn man die eigenen Großeltern angesehen hat, das wird keine Generation nach uns jemals so wieder fühlen.

Gestern habe ich die Steinbachtalsperre besucht.

Ein See, ganz in der Nähe meiner Großeltern – aber da ist kein See mehr. Die Talsperre wurde leergepumpt, da sie während der Flutkatastrophe drohte, die ganze Gegend zu überschwemmen. Nicht einmal ein Jahr hat es gedauert und die ganze Ebene ist voller Pflanzen und Insekten, die ich so noch nie gesehen habe, eine kleine neue Welt, die sich aus dem Tod der alten Welt entfaltet hat. Es ist nicht klar, wann die Steinbachtalsperre wieder mit Wasser gefüllt wird und ob diese neue Welt wieder der nächsten weichen muss, wie es zuvor auch passiert ist. Ich hatte das Gefühl, dass ich sehr besonders war, dort durchzulaufen – ich erlebe Evolution. Und natürlich Vergänglichkeit. Schön, schaurig, traurig, hoffnungsvoll.

Auweia, ich glaube morgen habe ich viel zu erzählen.

2 Kommentare

  1. Hallo Miriam
    Deine Neuigkeiten und Erzählungen lese ich sehr gerne
    Bei der heutigen Dürre hätte man wahrscheinlich lieber wieder eine mit Wasser gefüllte Talsperre,
    Jedenfalls viel Erfolg auf Burg Waldeck!

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  2. Danke dir Werner, das freut mich sehr 🙂
    Ja, eine gefüllte Talsperre wäre wohl grundsätzlich schöner gewesen. Burg Waldeck war wunderbar, hoffentlich bis bald mal!

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